Ich über mich

Gießen (1981-2000)

Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit gehört nicht nur zu meinem Familienalltag, sondern wurde auch schon früh in meinem privaten Umfeld gelebt. Meine Freunde wuchsen z.B. arabisch-deutsch auf, besuchten den außerhalb der Schulzeit angebotenen Türkischunterricht oder die Koranschule, wurden – fälschlicherweise, da in Deutschland geboren und darüber hinaus kurdischer Herkunft – als „Türken“ bezeichnet. Arabisch, Türkisch und Kurdisch gehörten demnach schon früh zum sprachlichen Repertoire meines Umfelds. Darüber habe ich mir früher kaum Gedanken gemacht: Dass die Eltern meiner Freunde eben in einer anderen Sprache mit ihren Kindern sprachen war so selbstverständlich wie meine Eltern mit mir Deutsch sprachen. Meine persönliche Überzeugung, dass Mehrsprachigkeit der gesellschaftliche Normalfall ist, ist entsprechend tief verwurzelt. Heute beschäftige ich mich in meiner beruflichen Tätigkeit sowie in meiner Forschung unter anderem genau damit.

Die bundesrepublikanische Gesellschaft [ist] mehrsprachig […] – einfach weil ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung mehrsprachig ist.¹

Berlin/Potsdam (2000-2011)

Ein ressourcenorientierter Umgang mit Mehrsprachigkeit wurde mir auch im Rahmen meiner universitären Ausbildung, die ich hier gerne als „Potsdamer Schule“ bezeichnen möchte, vermittelt.

[Mehrsprachige] haben ein besonderes Sprachprofil, bei dem die beiden Sprachen unterschiedliche Spezialisierungen haben können – etwa eine Sprache für den informellen und familiären Bereich, eine für den stärker formellen öffentlichen Bereich. Sie zeigen oft einen innovativeren Umgang mit Sprache, z.B. durch Sprachspiele, den Wechsel von einer Sprache in die andere, neue Fremdwörter oder grammatische Neuerungen. Die mehrsprachige Situation macht Kinder kommunikativ versierter und flexibler und kann ihnen das Lernen von Fremdsprachen erleichtern.²

An der Universität Potsdam habe ich ein Studium der Germanistischen Linguistik mit Schwerpunkt Deutsch als Fremd- und Zweitsprache sowie der Französischen Philologie absolviert. Mehrsprachigkeit als Chance und Vorteil zu begreifen und gegenüber gesellschaftlichen Vorurteilen abzuwägen, hat sich im Laufe des Studiums, in der Arbeit als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl von Prof. Christoph Schroeder, im DFG-Forschungsprojekt „Multilit“, in der Arbeit am „Kiezdeutsch-Korpus“ als Magisterabsolvent im Betreuungsprogramm des „Zentrum Sprache, Variation und Migration“ und in der anschließenden Mitarbeit im SFB-Projekt „Aus-und Fortbildungsmodule für Sprachvariation im urbanen Raum“ (Prof. Heike Wiese) stetig ausgeprägt.

München (2011-2017)

Diese Überzeugungen finden sich auch in meiner Doktorarbeit, die ich zwischen 2011 und 2016 im Graduiertenprogramm „Sprachtheorie und angewandte Sprachwissenschaften“ der Graduate School Language and Literature Munich an der Ludwig-Maximilians-Universität München geschrieben habe, wieder. Empirisch begründet argumentiere ich, dass Unterschiede in der Sprachproduktion bei einsprachig und zweisprachig aufwachsenden Kindern eine natürliche Daseinsberechtigung haben.

Variation in bilinguals’ language processing is a phenomenon in its own right that results from the dynamic influence of one language on another.³

Auch meine Lehrveranstaltungen wurden von den dargestellten Überzeugungen geprägt: Sie sind deutlich in den Konzeptionen der Seminare, die ich ihm Rahmen meiner Tätigkeit am Institut für Deutsch als Fremdsprache an der LMU München angeboten habe. Sie sind auch heute noch Grundlage in Vorträgen, Workshops und Fortbildungen, die ich für Bildungsakteure anbiete und in denen ich dem hierzulande weiterhin dominierenden monolingualen Habitus entgegentrete.

Die Zeit in Bayern hat mir aber auch vor Augen geführt, wie schwer es sein kann spracherwerbstheoretische sowie empirische Erkenntnisse der Mehrsprachigkeitsforschung in öffentliche und gesellschafts-politische Diskurse zu überführen.

Köln (>2017)

Am Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität Köln bin ich mit meinen Überzeugungen zur richtigen Zeit am richtigen Ort – auch um diese zu erweitern: Mehrsprachigkeit kann ein Vorteil und eine wertvolle  Ressource sein, nämlich dann, wenn sie gepflegt wird und Unterstützung erfährt und zwar entlang des gesamten Bildungswegs und von allen Beteiligten.

Der Text ist in ähnlicher Form im IFM Newsletter (Januar 2016, Seite 5f.)) veröffentlicht.

Nachweise:

¹ Schroeder, Christoph (2007): Sprache und Integration. In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, (Themenheft „Integration”), S.7.

² Zentrum Sprache, Variation und Migration: Die sogenannte „Doppelte Halbsprachigkeit“: eine sprachwissenschaftliche Stellungnahme.

³ Woerfel, Till (2018): Encoding motion events: The impact of language-specific patterns and language dominance in bilingual children. (Studies on Language Acquisition). Boston: de Gruyter Mouton.