Ich über mich

Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit gehört nicht nur zu meinem Familienalltag, sondern wurde auch schon früh in meinem privaten Umfeld gelebt. Meine Freunde wuchsen z.B. arabisch-deutsch auf, besuchten den außerhalb der Schulzeit angebotenen Türkischunterricht oder die Koranschule, wurden – fälschlicherweise, da in Deutschland geboren und darüber hinaus kurdischer Herkunft – als „Türken“ bezeichnet. Arabisch, Türkisch und Kurdisch gehörten demnach schon früh zum sprachlichen Repertoire meines Umfelds. Darüber habe ich mir früher kaum Gedanken gemacht: Dass die Eltern meiner Freunde eben in einer anderen Sprache mit ihren Kindern sprachen war so selbstverständlich wie meine Eltern mit mir Deutsch sprachen. Meine persönliche Überzeugung, dass Mehrsprachigkeit der gesellschaftliche Normalfall ist, ist entsprechend tief verwurzelt. Heute beschäftige ich mich in meiner beruflichen Tätigkeit sowie in meiner Forschung unter anderem genau damit.

Die bundesrepublikanische Gesellschaft [ist] mehrsprachig […] – einfach weil ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung mehrsprachig ist.¹

Ein ressourcenorientierter Umgang mit Mehrsprachigkeit wurde mir auch im Rahmen meiner universitären Ausbildung, die ich hier gerne als „Potsdamer Schule“ bezeichnen möchte, vermittelt.

[Mehrsprachige] haben ein besonderes Sprachprofil, bei dem die beiden Sprachen unterschiedliche Spezialisierungen haben können – etwa eine Sprache für den informellen und familiären Bereich, eine für den stärker formellen öffentlichen Bereich. Sie zeigen oft einen innovativeren Umgang mit Sprache, z.B. durch Sprachspiele, den Wechsel von einer Sprache in die andere, neue Fremdwörter oder grammatische Neuerungen. Die mehrsprachige Situation macht Kinder kommunikativ versierter und flexibler und kann ihnen das Lernen von Fremdsprachen erleichtern.²

 

Vor meiner Anstellung am Institut für Deutsch als Fremdsprache an der LMU München (Prof. Claudia Riehl) im Sommer 2012, habe ich ein Studium der Germanistischen Linguistik mit Schwerpunkt Deutsch als Fremd- und Zweitsprache sowie der Französischen Philologie an der Universität Potsdam absolviert. Mehrsprachigkeit als Chance und Vorteil zu begreifen und gegenüber gesellschaftlichen Vorurteilen abzuwägen, hat sich im Laufe meines Studiums, in der Arbeit als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl von Prof. Christoph Schroeder, im DFG-Forschungsprojekt „Multilit“, in der Arbeit am „Kiezdeutsch-Korpus“ als Magisterabsolvent im Betreuungsprogramm des „Zentrum Sprache, Variation und Migration“ und in der anschließenden Mitarbeit im SFB-Projekt „Aus-und Fortbildungsmodule für Sprachvariation im urbanen Raum“ (Prof. Heike Wiese) stetig ausgeprägt.

Die dargestellten Überzeugungen fließen heute in meine berufliche Tätigkeit und wissenschaftliche Forschung ein. Sie werden deutlich in den Konzeptionen meiner Seminare, in denen ich Studierenden ein breites und ressourcenorientiertes Mehrsprachigkeitskonzept vermittele und bemüht bin spracherwerbstheoretische sowie empirische Erkenntnisse mit öffentlichen und gesellschafts-politischen Dimensionen gegeneinander abzuwägen. Sie sind Grundlage in meinen Vorträgen, Workshops und Fortbildungen, die ich für Bildungsakteure anbiete und in denen ich dem hierzulande weiterhin dominierenden monolingualen Habitus entgegentrete.

Der Text ist in ähnlicher Form im IFM Newsletter (Januar 2016, Seite 5f.)) veröffentlicht.

Nachweise:

¹ Schroeder, Christoph (2007): Sprache und Integration. In: APuZ – Aus Politik und Zeitgeschichte, (Themenheft „Integration”), S.7.

² Zentrum Sprache, Variation und Migration: Die sogenannte „Doppelte Halbsprachigkeit“: eine sprachwissenschaftliche Stellungnahme.